Wolfgang Sawallisch Denkmal

Gerda Hörl

Über die Freundschaft mit Wolfgang Sawallisch

Frau Gerda Hörl aus München und ihre Familie standen jahrzehntelang mit dem großen Dirigenten Wolfgang Sawallisch und seiner Frau Mechthild in freundschaftlicher Verbindung. Anlässlich der Enthüllung des Denkmals zu Ehren des Grassauer Ehrenbürgers vor der Musikschule am Wolfgang Sawallisch-Platz war sie zu Besuch in Grassau. Wir konnten ihr einige Fragen zur Person Wolfgang Sawallisch stellen.

  1. Sie waren lange Jahr mit Professor Sawallisch und seiner Frau sehr gut befreundet. Wie haben Sie sich kennengelernt, und wie konnten Sie mit dem vielbeschäftigten Dirigenten Kontakt halten? Ich lebte in den siebziger Jahren zeitweise in Rom. Eines Tages begegnete ich Mechthild und Wolfgang Sawallisch bei einer Rundfunkaufzeichnung. Damals hielt sich das Ehepaar häufig in Rom auf. Insbesondere Frau Sawallisch hielt engen Kontakt zu mir, und 1974 bezogen wir drei eine gemeinsame Wohnung im Palazzo de Grillo. In Sawallischs Münchner Zeit durfte ich viele großartige Opernaufführungen unter seiner Leitung erleben. Ich hatte auch das Glück, das Ehepaar Sawallisch einige Male auf Reisen begleiten zu können.
  2. Was schätzten Sie an ihm besonders? Man kann sagen, seine „deutschen“ Tugenden: Pünktlichkeit, Korrektheit und Fairness. Das Maximum des Erreichbaren war für ihn die Richtlinie seines Schaffens. Als Mensch war er bescheiden und liebenswürdig. Diese Seite seines Wesens trat insbesondere in den letzten Lebensjahren für alle Menschen, die ihm begegneten, stärker in den Vordergrund. Bis 2003, als er sein Engagement in den USA mit 80 Jahren beendete, hatte er für vieles keine Zeit gehabt. Dann aber konnte man feststellen, dass er die Gesellschaft von Menschen sehr geschätzt hat und sich gerne unterhielt und auch unterhalten ließ. Insbesondere in seinen letzten Lebensjahren erlebte ich mit ihm immer wieder sehr schöne Momente im Gespräch über frühere Erlebnisse und Begegnungen. Wenn ich ihn an besondere Reisen, Konzerte oder Gespräche mit Menschen erinnerte, die ihm wichtig waren, fühlte er sich wieder lebendig. Bis zum Schluss blieb er interessiert und aufmerksam.
  3. Im Grassauer Ortsteil Kucheln war Wolfgang Sawallisch seit 1963 zu Hause – hier erholte er sich von seinen vielen Reisen und auswärtigen Engagements, und hier schöpfte er, wie er selbst gesagt hat, Kraft für künftige Aufgaben. Wie hat er seine Zeit in Grassau verbracht? Während all seiner Jahre als weltbekannter und gefragter Dirigent schöpfte Sawallisch, so war mein Eindruck, viel Kraft aus dem Wissen um Grassau. Er hat den Ort als Heimat empfunden und wirklich geschätzt. Grassau bedeutete für ihn: Ort der Erholung. Dabei halfen ihm vor allem und immer wieder die Beschäftigung mit der Musik, der er den größten Teil auch seiner freien Zeit widmete. Unermüdlich studierte er Partituren. Gerne und lange spielte er an einem seiner drei Flügel im Musikzimmer. Ab und zu verschaffte ihm ein kleines Hobby, das ich „Basteln“ nennen möchte, angenehmen Ausgleich. Im Grassauer Haus ging Sawallisch häufig daran, sich handwerklich zu betätigen – für viele, die ihn nur aus der Musik kannten, sicherlich ungewohnt. Er reparierte allerlei im Haus und war darin sehr geschickt, oft auch richtig pingelig. Er hat sein Grassauer Zuhause sehr genossen. Hier fühlte er sich auch als Gastgeber wohl – seine Frau Mechthild verstand es meisterhaft, Besuche vorzubereiten und Freunde und Vertraute aus der Musikwelt auf den Kuchelner Berg einzuladen. In den Jahren nach dem Tod seiner Frau waren es eher einzelne Besucher, denen er sich gerne in langen und intensiven Gesprächen widmete.
  4. Seit dem 1. Oktober 2016 gibt es vor dem Gebäude der Musikschule Grassau ein kleines Ehrenmal für den Ehrenbürger und Stiftungsgründer Wolfgang Sawallisch. Die Grassauer Mitbürger und die Musikschüler sollen an ihn erinnert werden. Was hätte er zu dieser Ehrung gesagt? Das neue kleine Ehrenmal für Professor Sawallisch in Grassau hätte ihn sehr gefreut, da bin ich mir ganz sicher. Es ist informativ, gleichzeitig bescheiden. Und es wirkt sehr harmonisch.
  5. Wie hat Professor Sawallisch die Gründung und die Entwicklung der nach ihm benannten Stiftung begleitet und bewertet? Dieser Weg war ihrer beider Wunsch, also der Wunsch von Wolfgang und Mechthild Sawallisch. Worte sind etwas Wunderbares, aber Musik kann noch mehr bewegen, sie löst Empfindungen aus, sie erreicht nicht nur das Ohr, sondern die Seele. Für die musikalische Jugendförderung etwas zu tun, lag Professor Sawallisch sehr am Herzen. Die Musik als Kunst weiterzugeben, war sein Antrieb während seines ganzen Lebens, und er sah auch in der Stiftung einen Weg, diese Kunst zu vermitteln. Von der Stiftung zugunsten der Musikschule Grassau war er überzeugt. Dabei spielten der damalige wie auch der spätere Musikschulleiter eine wichtige Rolle: Hans Josef Crump und Wolfgang Diem. Ihnen stand er sehr nahe, und ihnen schenkte er sein ganzes Vertrauen, dass die Musikschule für eine professionelle Ausbildung der Jugend sorgen wolle und könne.
  6. Was würde Wolfgang Sawallisch den jetzigen und künftigen Schülern der Musikschule mit auf den Weg geben? Und was würde er den jungen Kollegen, die an der Schule unterrichten, sagen? Sawallisch war überzeugt, dass junge Menschen, die mit Begeisterung musizieren, ganz anders leben. Er sah in der Musik auch eine anspruchsvolle menschliche Bildung. Musik ist Lebenshilfe. Und es kann Ansporn sein: Nach Sawallischs Vorstellung sollte Musik die Menschen auch anregen. Ein Ort, der die Musik pflegt, ist ein besonderer Ort. Grassau und die Musik gehörten für Professor Sawallisch zusammen. Seine Verbundenheit mit der Marktgemeinde Grassau zeigte sich nicht zuletzt in hohem Maße darin, dass er zwischen 2008 und 2012 den damaligen Generalmusikdirektor der Bayerischen Nationaloper, seinen Freund und Kollegen Kent Nagano, insgesamt fünf Mal dafür gewinnen konnte, mit dem Staatsorchester in Grassau Benefizkonzerte zugunsten der Wolfgang Sawallisch-Stiftung zu geben. Solche Gastspiele des Orchesters ereignen sich sonst nur in Kulturmetropolen. Das war ein starker Beweis für die Wertschätzung, die Professor Sawallisch dem Ort Grassau und der Stiftungsarbeit entgegenbrachte. Die Schülerschaft und das Kollegium der Musikschule Grassau sind also Teil einer großen musikalischen Tradition am Ort.

 

Interview: Uta Grabmüller 3.11.2016

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